
Wenn ich an Ostern, Allerheiligen und Weihnachten in Salzburg zurückdenke, dann denke ich nicht nur an die Feiertage selbst. Ich denke an Wege zur Kirche, an Familiengräber, an Kerzen, Blumen und Weihrauch – und an Traditionen, die für mich schon als Kind ganz selbstverständlich zum Jahresablauf gehörten.
Wir hatten früher zwei Familiengräber. Eines in Gnigel, auf dem die Familie meiner Mama beigesetzt war, und eines am Kommunalfriedhof, wo die Familie meines Papas lag. Später wurde das Familiengrab nach St. Vitalis verlegt, weil es näher bei unserem Zuhause lag.
Palmsonntag – mit Palmbuschen zur Kirche

Zu Ostern begann alles schon am Palmsonntag. Wir gingen zur Palmweihe in die Kirche. Die Palmbuschen wurden dort gesegnet und anschließend mit nach Hause genommen.

Am schönsten waren die Umzüge in der St. Peter!
Traditionell stellte man die geweihten Palmbuschen in den Garten oder brachte sie bei den Bauern aufs Feld. Sie sollten vor Unheil schützen und Segen für Haus, Garten und Felder bringen.
Als Kind denkt man darüber wahrscheinlich gar nicht groß nach. Es gehört einfach dazu. Heute, mit ein bisschen Abstand, merkt man erst, wie sehr solche kleinen Rituale die eigene Kindheit geprägt haben.
Ostersonntag – Speiseweihe
Am Ostersonntag ging es dann zur Speiseweihe. Im Korb lagen die Dinge, die später gemeinsam gegessen wurden: Weihfleisch, Eier, Salz und je nachdem auch eine Kerze oder ein Rosenkranz, den man ebenfalls segnen lassen wollte.
Dieser Korb war für mich immer etwas Besonderes. Denn nach der Weihe ging es schließlich wieder nach Hause – und dort wurde aus den gesegneten Lebensmitteln ein richtiges Osteressen.
So war Ostern bei uns nicht einfach nur ein Feiertag. Es war eine Mischung aus Kirche, Familie, Tradition und natürlich auch gutem Essen.
Allerheiligen – Schnee, Kerzen und Allerheiligenstriezel
Auch Allerheiligen gehörte fest zu unserem Familienjahr.
Ich kann mich noch sehr gut an Allerheiligen erinnern, an denen richtig viel Schnee lag. Manchmal standen wir bis zu den Knöcheln oder sogar noch höher im Schnee. Bevor man überhaupt am Grab stehen konnte, musste man erst einmal ein bisschen Schnee wegschaufeln.
Und trotzdem gehörte es dazu.
Wir standen am Grab, zündeten Kerzen an und gedachten unserer Verstorbenen. Es war ruhig und feierlich – und gleichzeitig gab es rund um den Friedhof auch diese ganz typischen kleinen Dinge, die zu meiner Kindheit einfach dazugehören.
Zum Beispiel den Allerheiligenstriezel.
Traditionell bekam man diesen Hefezopf von seinem Taufpaten. Wir haben uns unseren irgendwann einfach selbst gekauft. 😄 Aber das Entscheidende war eigentlich nicht, von wem er kam, sondern dass er zu Allerheiligen einfach dazugehört hat.
Und unten am Eingang des Friedhofs standen immer wieder kleine Verkaufsstände. Dort gab es Süßigkeiten, Schaumrollen und allerlei andere Leckereien.
Natürlich durfte da eine Schaumrolle nicht fehlen.
So eigenartig das vielleicht klingt: Auch diese Dinge gehören für mich zu den Erinnerungen an Allerheiligen. Der Schnee, die Gräber, die Kerzen – und danach vielleicht noch eine Schaumrolle.
Und Weihnachten führte uns wieder zum Friedhof
Am 24. Dezember standen wir ebenfalls wieder am Grab. Dann war Gräberweihe.
Und irgendwann habe ich es mir auch angewöhnt, an Weihnachten zur Messe zu gehen. Besonders schön fand ich die Weihnachtsgottesdienste, die häufig mit Kindern gestaltet wurden – mit Musik und Krippenspiel.
Diese Gottesdienste habe ich meistens in Gnigel besucht.
Gerade an Weihnachten hatte das für mich etwas ganz Besonderes. Erst der Friedhof, die Erinnerung an die Menschen, die nicht mehr bei uns waren, und dann die Kirche mit Musik, Kindern und Krippenspiel. Traurigkeit und Freude lagen dabei irgendwie ganz selbstverständlich nebeneinander.

Unsere Gräber – und eine Erinnerung, die bleibt
Mit der Zeit hat sich vieles verändert.
Aus den beiden Familiengräbern wurde schließlich das Grab in St. Vitalis, weil es näher an unserem Zuhause lag. Und auch ich bin irgendwann aus Salzburg weggegangen und nach NRW gezogen.
Doch bevor ich Salzburg verlassen habe, gab es noch einen Moment, den ich bis heute nicht vergessen habe.

Durch eine nicht besonders schöne persönliche Geschichte war das Familiengrab in Gnigl irgendwann in die Hände von Menschen gelangt, die mit diesem Ort und seiner Bedeutung eigentlich nicht wirklich etwas anfangen konnten.
Ich wusste, dass das Grab irgendwann weg sein würde.

Aber Wissen und Erleben sind zwei verschiedene Dinge.
Kurz bevor ich nach NRW gezogen bin, wollte ich noch einmal zu meiner Mama ans Grab. Ich wollte mich verabschieden, eine Kerze anzünden und eine Rose hinlegen.
Und ausgerechnet an diesem Tag war das Grab plötzlich verschwunden.
Ich wusste zwar, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Trotzdem war es ein Schock.
Denn ein Grab ist eben nicht nur ein Stück Erde. Es ist ein Ort, an dem Erinnerungen wohnen. Ein Ort, an dem man noch einmal mit einem Menschen sprechen kann, auch wenn dieser Mensch längst nicht mehr antworten kann.
Und plötzlich war dieser Ort nicht mehr da.
Die Geschichte, die dahintersteckt, erzähle ich vielleicht ein anderes Mal. Denn sie gehört für mich zu den Dingen, die eine eigene Geschichte verdienen.
Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum mir diese alten Traditionen heute noch so wichtig sind.
Palmsonntag, Speiseweihe, Allerheiligen, der Allerheiligenstriezel, Weihnachtsmesse und Gräberweihe – das sind nicht einfach nur alte Bräuche.
Das sind Erinnerungen.
Und manchmal sind es gerade die kleinen Rituale, die einen Menschen auch dann noch mit seiner Heimat verbinden, wenn er längst viele Kilometer davon entfernt lebt.