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Erstens läuft es anders – zweitens als man denkt

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    Kapitel 6 – Endlich zu Hause – und langsam zurück ins Leben

    Dann war ich tatsächlich wieder zu Hause.

    Wobei „zu Hause“ zu diesem Zeitpunkt noch bedeutete: mit einer frisch verschlossenen Wunde, Schmerzen und jeder Menge Vorsicht.

    Das kleine offene Loch, das noch geblieben war, musste weiterhin versorgt werden. Thomas übernahm dabei den größten Teil der Versorgung. Jessica, meine Wundmanagerin, erklärte ihm ganz genau, worauf er achten musste und wie der Verbandswechsel zu erfolgen hatte.

    Und das war keineswegs einfach nur ein Pflasterwechsel. Die Wunde musste sorgfältig gereinigt und versorgt, das richtige Material ausgewählt und alles anschließend entsprechend abgeklebt werden. Dabei musste peinlich genau auf Sauberkeit und möglichst sterile Bedingungen geachtet werden. Für Thomas war das jedes Mal eine kleine, aber wichtige Prozedur, bei der jeder Handgriff sitzen musste.

    Eine Woche kam Jessica zu uns, in der darauffolgenden Woche fuhr ich zur Wundversorgung ins Krankenhaus. So wechselte sich das immer ab.

    Trotzdem war die Situation alles andere als einfach.

    Die Nähte kneiften und spannten natürlich. Sitzen war mühsam und jede Bewegung fühlte sich zunächst so an, als könnte gleich wieder irgendetwas aufreißen.

    Thomas hatte mir im Wohnzimmer die Couch vorbereitet. Wir hatten sogar extra einen Topper bestellt, damit ich dort unten schlafen konnte.

    Das funktionierte allerdings überhaupt nicht.

    Also ging ich noch am selben Abend wieder nach oben ins Schlafzimmer.

    Schon die Treppe war eine Herausforderung. Hoch und runter zu gehen war mühsam, weil die Naht spannte und ich ständig Angst hatte, mir wieder etwas aufzureißen.

    Deshalb bewegte ich mich in den ersten Tagen wirklich so wenig wie möglich.

    Und irgendwann gewöhnte man sich an vieles.

    Ich hatte zu dieser Zeit meine ganz eigene „Krankenhausmode“ entwickelt: Oma-Baumwollschlüpfer und hinten eine Binde eingeklebt, damit bloß nichts durchging.

    Und ja – das war tatsächlich notwendig.

    Alleine duschen konnte ich noch nicht. Bei jedem Duschen brauchte ich Thomas an meiner Seite. Auch beim Toilettengang war ich nicht auf mich allein gestellt. Anschließend musste Thomas  kontrollieren, ob der Verband sauber geblieben war und ob etwas gewechselt werden musste.

    Das war für uns beide eine unglaublich belastende Situation.

    Man wird plötzlich in eine Abhängigkeit gedrängt, die man vorher überhaupt nicht kannte. Dinge, die normalerweise völlig selbstverständlich sind, werden zu kleinen organisatorischen Herausforderungen.

    Duschen.

    Toilettengang.

    Anziehen.

    Hinsetzen.

    Aufstehen.

    Und überall war diese Angst:

    Hält die Naht?

    Aber Thomas war da.

    Immer.

    Er kümmerte sich um die Wundversorgung, half mir wo er konnte, kontrollierte den Verband und nahm mir damit unglaublich viel von dieser Last ab.

    Irgendwann wurden die Fäden gezogen.

    Und plötzlich wurde alles von Tag zu Tag besser.

    Die Spannung ließ nach. Die Bewegungen wurden leichter und auch das Sitzen wurde langsam wieder möglich.

    Ich weiß heute gar nicht mehr genau, wann wir diesen Punkt erreicht hatten.

    Irgendwann waren wir einfach durch.

    Und ich habe es genossen.

    Wir beide haben es genossen.

    Ich konnte wieder besser laufen. Ich konnte wieder mehr machen. Und irgendwann durfte ich sogar wieder in den Pool – etwas, das ich wirklich vermisst hatte.

    Nachdem die Fäden draußen waren, fühlte sich sowieso alles noch einmal deutlich besser an.

    Ich dachte:

    Geschafft. Wir haben es wirklich geschafft.

    Und Thomas war auch in dieser Zeit immer wieder mein Anker.

    Wenn ich irgendwann sagte:

    „Ich kann nicht mehr. Ich schaffe das nicht mehr. Ich will nicht mehr.“

    Dann sagte er:

    „Komm. Guck mal, wie weit wir jetzt schon gekommen sind. Das schaffen wir jetzt auch noch.“

    Und genau so war es.

    Schritt für Schritt.

    Tag für Tag.

    Wir hatten die Sepsis überstanden.

    Die Operationen.

    Die offene Wunde.

    Die Verlegung von Cottbus nach Oelde.

    Die erneute Operation.

    Die Angst.

    Die Verbandswechsel.

    Und irgendwann konnten wir tatsächlich wieder ein Stück weit Normalität genießen.

    Ich dachte, wir hätten es geschafft.

    Ich dachte, jetzt geht es endlich nur noch bergauf.

    Doch dann kam der April.

    Und plötzlich hatte ich wieder dieses Gefühl.

    Dieses ganz bestimmte Gefühl, das ich inzwischen nur allzu gut kannte:

    Irgendwas stimmt nicht.

    Ich hatte wieder leichte Schmerzen am Po.

    Mir ging es allgemein nicht besonders gut.

    Und ich sagte zu Thomas:

    „Pass mal auf, ich fahre kurz ins Krankenhaus und lasse das anschauen. Irgendwas ist da.“

    Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sich meine Geschichte gerade anschickte, eine zweite Runde zu drehen.