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Erstens läuft es anders – zweitens als man denkt

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    Kapitel 3 – Die schwere Sepsis und die erste Operation

    Ich wurde also aufgenommen.

    Wie das zwischen den Feiertagen in Krankenhäusern nun einmal so ist, waren Stationen zusammengelegt worden. Ich glaube, es war eine Kombination aus Dermatologie und Augenheilkunde – oder vielleicht Dermatologie und HNO. Ganz sicher weiß ich es heute nicht mehr.

    Was ich aber noch weiß: Während meines gesamten Krankenhausaufenthalts hatte ich unglaublich nette Ärzte und Schwestern. Gerade die Schwestern waren immer wieder für mich da und haben mir mit ihrer Art sehr viel Angst genommen.

    Vieles von dem, was in den nächsten Tagen passiert ist, weiß ich allerdings heute nur noch aus Erzählungen. Meine eigenen Erinnerungen sind teilweise sehr verschwommen. Es war, als würde ich mich in einem Schleier befinden.

    Ich weiß noch, dass Heiligabend war und Thomas natürlich so viel bei mir war, wie es eben ging. Am 25. Dezember habe ich ihn dann zur Familienfeier geschickt. Ich sagte ihm sinngemäß: „Es bringt doch nichts, wenn du jetzt die ganze Zeit hier bei mir sitzt. Geh zu deiner Familie.“

    Währenddessen wurde ich weiter mit Antibiotika behandelt. Nur leider schienen die Medikamente zunächst nicht wirklich zu helfen. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen, und auch die Schmerzmittel brachten kaum Erleichterung.

    An einen Pfleger erinnere ich mich besonders. Ein großer Berliner, Glatze, langer Bart und – wenn ich mich richtig erinnere – Thors Hammer um den Hals beziehungsweise im Bart. Ein wirklich toller Pfleger.

    Er versuchte, mir wenigstens ein bisschen Erleichterung zu verschaffen. Mit Tüchern und einer speziellen Wundlösung kühlte er die betroffene Stelle, damit die Schmerzen etwas erträglicher wurden.

    Denn die waren wirklich jenseits von Gut und Böse.

    Am 26. Dezember kam Thomas noch einmal zu mir ins Krankenhaus. Er verabschiedete sich und fuhr anschließend nach Hause. Er musste schließlich auch nach Hause, denn unsere Polly war noch bei ihrer Pflegestelle und musste wieder abgeholt werden.

    Was in dieser Nacht genau passiert ist, weiß ich heute nur noch aus den Erzählungen.

    Irgendwann, kurz vor Mitternacht, rief ich Thomas zu Hause an.

    „Schatz, hol mich ab. Ich habe keinen Bock mehr. Die sind alle zu doof, da kann mir keiner helfen. Ich will nach Hause.“

    Thomas war natürlich völlig überrumpelt.

    „Wie soll ich dich jetzt abholen? Ich bin gerade erst angekommen. Ich muss schlafen. Ich kann frühestens morgen Mittag oder frühen Nachmittag wieder da sein.“

    Er sagte mir, ich solle artig sein, auf die Ärzte hören und wir würden schauen, wie wir das hinbekommen.

    Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings längst nicht mehr Herrin meiner Sinne.

    Ich hatte mir wohl schon unzählige Zugänge an Händen und Füßen herausgerissen. An einer Hand waren es wohl acht oder neun, an der anderen mehrere weitere und auch an den Füßen hatte ich mir Zugänge gezogen. Die Ärzte und Schwestern hatten offenbar alle Hände voll mit mir zu tun.

    Ich kann mich nur noch ganz dunkel daran erinnern, dass mich zwei oder drei Männer festhalten mussten, weil ich um mich geschlagen hatte.

    Heute weiß ich: Das war nicht „ich“, die da so reagierte. Mein Körper und mein Kopf waren zu diesem Zeitpunkt durch die schwere Sepsis völlig aus dem Gleichgewicht geraten.

    Gott sei Dank hatte Thomas, bevor er nach Hause gefahren war, seine Kontaktdaten bei den Pflegern hinterlassen.

    So bekam er kurz nach Mitternacht einen Anruf von der behandelnden Ärztin.

    Sie fragte sinngemäß, ob er seine Frau nun abholen würde.

    Thomas‘ Antwort kann ich mir heute noch ziemlich genau vorstellen:

    „Gute Frau, wie stellen Sie sich das vor? Ich bin gerade sechseinhalb Stunden nach Hause gefahren. Ich kann jetzt nicht einfach wieder losfahren. Und vor allem: Wie soll ich sie transportieren? Sie hat Schmerzen und kann nicht sitzen. Soll ich sie mir bauchlinks auf den Dachgepäckträger schnallen oder was?“

    Und dann wurde er wohl auch deutlich ernster:

    „Jetzt kümmern Sie sich und machen Sie Ihre Arbeit. Sie sind die Ärzte.“

    Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt hatte Thomas bereits richtig Angst um mich.

    Parallel dazu telefonierte er zwischen meinem Bruder, meinem Vater und mir hin und her. Schließlich mussten auch sie wissen, was gerade passierte.

    Da ich mich offensichtlich überhaupt nicht mehr vernünftig einschätzen konnte, wurde schließlich sogar ein Psychiater hinzugezogen. Ursprünglich sollte wohl geprüft werden, ob ich überhaupt noch geschäftsfähig beziehungsweise entscheidungsfähig war.

    Dazu kam es dann aber glücklicherweise nicht.

    Stattdessen gelang es dem Psychiater, mich davon zu überzeugen, ein starkes Beruhigungsmittel zu nehmen. Das bekam ich schließlich auch.

    Danach wurde mir – davon bekam ich selbst schon nichts mehr mit – ein zentraler Venenkatheter, ein sogenannter ZVK, gelegt.

    Und dann kam der 27. Dezember.

    Bei der Visite zeigte sich, dass meine Blutwerte noch immer nicht besser geworden waren. Die Ärzte überlegten deshalb, mich auf eine Überwachungsstation zu verlegen.

    Doch dann kam die entscheidende Frage:

    „Was sollen wir denn jetzt hier mit dem Hintern machen?“

    Denn inzwischen hatte sich die Wunde dramatisch verändert. Die Haut war dunkelblau bis schwarz geworden, nekrotisch und voller Blasen. Es sah alles andere als gut aus.

    Thomas hat die Bilder heute noch auf seinem Handy. Ich selbst kann sie mir momentan allerdings noch nicht ansehen.

    Und dann gab es diesen einen Arzt, dem ich bis heute unglaublich dankbar bin.

    Er sagte sinngemäß:

    „Nein. Die wird jetzt überhaupt nirgendwo mehr hinverlegt. Die kommt sofort in meinen OP.“

    Und genau diese Entscheidung war vermutlich lebensrettend.

    Denn wenn man zu diesem Zeitpunkt noch ein anderes Antibiotikum ausprobiert oder erst noch weitere Stunden gewartet hätte, hätte es möglicherweise schon zwei oder drei Stunden später ganz anders ausgesehen.

    So wurde ich am 27. Dezember 2025 operiert.

    Während ich selbst kaum noch wusste, was um mich herum passierte, liefen im Hintergrund die Informationen zwischen den Ärzten, Thomas, meinem Bruder und meinem Vater hin und her.

    Und damit begann der nächste Abschnitt meiner Geschichte.