Tja.
Da dachte ich tatsächlich, wir hätten es geschafft.
Und dann kam Anfang April dieser Tag, an dem ich wieder dieses komische Gefühl hatte.
Irgendetwas stimmt nicht.
Ich hatte wieder leichte Schmerzen am Po. Und mir ging es auch allgemein nicht besonders gut.
Ich legte mich am Nachmittag sogar hin.
Was an sich nichts völlig Ungewöhnliches ist – ein Mittagsschläfchen kann man schließlich schon einmal machen. Aber diesmal war es anders. Es fühlte sich anders an.
Irgendwann sagte ich zu Thomas:
„Pass mal auf, ich fahre noch einmal ins Krankenhaus und lasse draufschauen. Ich glaube, irgendwas stimmt nicht.“
Ich merkte schon, dass Thomas ein kleines bisschen genervt war.
„Ja, dann mach. Und dann kommst du halt wieder nach Hause.“
Also fuhr ich ins Krankenhaus.
Und wer war wieder da?
Frau Dr. Ellena.
Sie nahm mir direkt Blut ab und machte einen Ultraschall.
Auf dem Ultraschall war eine kleine Flüssigkeitsansammlung zu sehen.
Dann kamen die Blutwerte.
Und plötzlich war klar:
Ich bleibe hier. Morgen werde ich operiert.
Ich wusste in diesem Moment wirklich nicht, ob ich lachen oder heulen sollte.
Also rief ich Thomas an:
„So, du kannst meine Tasche packen. Du kannst kommen. Ich muss bleiben.“
Und rückblickend muss ich sagen: Diesmal lief eigentlich alles sehr gut.
Es handelte sich um eine kleine Eiteransammlung. Es war nichts Nekrotisches zu sehen, nichts Großflächiges und nichts, was mit dem Desaster vom Dezember vergleichbar gewesen wäre.
Die Stelle wurde operativ geöffnet und gründlich ausgespült.
Diesmal wurde die Wunde allerdings offen gelassen, damit sie von innen nach außen heilen konnte.
Die Wunde war auch deutlich kleiner als beim ersten Mal.
Nur noch ungefähr sechs Zentimeter tief und drei Zentimeter breit.
Aber „nur“ ist bei einer Wunde an dieser Stelle natürlich auch relativ.
Es langte.
Der große Unterschied war allerdings:
Ich musste diesmal nur eine Woche im Krankenhaus bleiben.
Und ich hatte mein ganz persönliches Rundumverwöhnprogramm.
Thomas kam jeden Abend und brachte mir leckeres Essen mit. So musste ich mich zumindest nicht mit dem Krankenhausessen zufriedengeben.
Überhaupt war diesmal vieles anders.
Ich hatte natürlich Angst – aber ich kannte inzwischen die Abläufe. Ich wusste, was ein Verbandswechsel bedeutet. Ich wusste, dass ich wieder nach Hause kommen würde.
Und vor allem wusste ich inzwischen:
Wir schaffen das.
Meine Vermutung war von Anfang an, dass irgendwo unter der großen, im Januar verschlossenen Wunde noch etwas „gebrütet“ haben könnte und sich daraus diese neue kleine Ansammlung entwickelt hatte.
Ob es tatsächlich genau so war, konnte natürlich niemand mit Sicherheit sagen.
Die operierende Ärztin wollte jedenfalls auf Nummer sicher gehen.
Sie sagte, wenn das alles überstanden sei, sollten wir noch eine Darmspiegelung machen.
Einfach um auszuschließen, dass die Ursache irgendwo im Darm lag.
Also machte ich auch das.
Und Gott sei Dank:
Alles war in Ordnung.
Keine auffällige Ursache am Darm.
Damit blieb eigentlich nur die Erkenntnis:
Ich hatte einfach Pech gehabt.
Irgendwo hatte ich mir diesen Keim eingefangen – und dieser hatte sich entsprechend ausgebreitet.
Diesmal durfte ich nach einer Woche wieder nach Hause.
Thomas hatte bei der Wundversorgung bereits im Krankenhaus zugesehen und sich genau erklären lassen, was er zu tun hatte. Einige Materialien hatten wir noch von der ersten Versorgung zu Hause, anderes bekamen wir neu mit.
Und dann kam der erste Abend.
Wir waren wieder zu Hause.
Und jetzt musste Thomas ran.
Die Wunde musste gereinigt und anschließend wieder tamponiert werden.
Ich glaube, man konnte ihm die Nervosität ziemlich deutlich ansehen.
Da stand er nun – ziemlich bleich um die Nase – und musste die Wunde seiner Frau versorgen.
Er wollte mich natürlich auf keinen Fall verletzen. Er war vorsichtig, hatte Angst und war unsicher.
Und ich hatte natürlich ebenfalls Angst.
Aber er machte es wunderbar.
Nach dem ersten Verbandswechsel schauten wir uns wahrscheinlich beide an und dachten:
Okay. Das haben wir jetzt auch geschafft.
Danach brauchten wir erst einmal einen Schnaps.
Und aus dieser anfänglichen Unsicherheit wurde erstaunlich schnell Routine.
Am Anfang passten gefühlt noch fünfzehn Zentimeter Wundkompresse in die Wunde.
Von Woche zu Woche wurde es weniger.
Ein kleines Stück weniger.
Dann wieder ein kleines Stück weniger.
Und irgendwann war auch diese Wunde fast Geschichte.
Auch diesmal wechselten sich Jessica und das Krankenhaus bei der Wundversorgung ab. Und Thomas übernahm zu Hause wieder einen großen Teil der Versorgung.
Bis zum Schluss.
Er hat das wirklich großartig gemacht.
Und dann kam irgendwann der Moment, auf den wir so lange gewartet hatten:
Die Wunde war zu.
Seit einigen Wochen ist sie nun geschlossen.
Dicht.
Nichts mehr darunter.
Keine offene Stelle.
Keine Tamponade.
Keine Verbände.
Einfach zu.
Und wenn ich heute darauf zurückblicke, kann ich eigentlich nur sagen:
Wir haben es geschafft.
Wir haben die Sepsis überstanden.
Wir haben die Operationen überstanden.
Wir haben die offene Wunde überstanden.
Wir haben die erneute Operation im Januar überstanden.
Wir haben den Rückfall im April überstanden.
Und wir haben auch die zweite Wundversorgung gemeinsam geschafft.
Die Darmspiegelung war unauffällig.
Die Wunde ist geschlossen.
Und ich bin einfach nur erleichtert.
Dankbar.
Und unglaublich froh, dass ich heute hier sitze und diese Geschichte erzählen kann.
Aber ein Kapitel fehlt noch.
Denn was bleibt nach so einer Geschichte eigentlich zurück?
Was hat sie mit mir gemacht?
Davon erzähle ich im letzten Kapitel.