Irgendwann zeichnete sich ab, dass mein Aufenthalt in Cottbus wohl nicht mehr ewig dauern würde. Das Krankenhaus brauchte schließlich seine Betten – und vermutlich irgendwann auch wieder für die „eigenen Leute“.
Schon bei meiner Aufnahme in Cottbus hatte ich einige Krankenhäuser in Heimatnähe nennen müssen, in die ich mir eine Verlegung vorstellen konnte. Ganz oben auf meiner Liste stand tatsächlich Oelde.
Also wurde dort angefragt.
Und Oelde machte es uns erstaunlich schnell und unkompliziert: Ja, sie hatten ein Bett. Ja, sie konnten sich um mich kümmern. Ja, ich konnte kommen.
Tolle Sache.
Nur blieb eine kleine Frage:
Wie komme ich mit einem offenen Hintern von Cottbus nach Oelde?
Denn sitzen konnte ich nach wie vor nicht.
Eine der Ärztinnen meinte irgendwann tatsächlich, dann müsse mein Mann mich eben holen und selbst fahren.
Ich dachte mir nur: Ja … wie genau soll das funktionieren?
Die Ärztin war eigentlich wirklich nett, hatte aber zwischendurch immer mal wieder so ihre Momente, bei denen ich mich fragte:
„Ähm … hallo? Was stimmt denn gerade mit Ihnen nicht?“
Thomas nahm schließlich die Sache selbst in die Hand und kontaktierte den ADAC. Nach einigem Hin und Her wurde tatsächlich ein Transport organisiert.
Das dauerte natürlich ein paar Tage. Und während dieser Zeit hatte ich zwischendurch durchaus das Gefühl, dass zumindest eine Ärztin doch ganz gerne gesehen hätte, wenn mein Bett möglichst bald wieder frei geworden wäre.
Aber irgendwann war es soweit.
Der Transport stand.
Es war Januar und ausgerechnet an diesem Tag herrschte draußen absolutes Winterchaos. Schneestürme, eisige Temperaturen und gefühlt Sibirien vor der Krankenhaustür.
Zwei sehr nette Rettungssanitäter holten mich ab.
Ich wurde auf die Liege verfrachtet und dann kam die nächste Überraschung:
Die Elektronik des Rettungswagens war kaputt.
Der Wagen war wohl noch in der Werkstatt gewesen und die beiden Sanitäter hatten vorher offenbar nichts davon mitbekommen. Jedenfalls funktionierte schon beim Hineinschieben der Liege die Elektronik nicht richtig.
Na toll.
Was nun?
Und an dieser Stelle muss ich meiner lieben Schwiegermutter noch einmal ganz besonders danken.
Sie hatte mir einen kuscheligen Morgenmantel mitgebracht. Anfangs fand ich den eher etwas doof, weil ich dieses ganze Plüschzeug eigentlich gar nicht so gerne mag.
Aber dieser Morgenmantel sollte sich noch als ziemlich wertvoll erweisen.
Denn an Bord gab es keine richtige warme Decke. Stattdessen bekam ich mehrere dieser dünnen Papierdecken. Ich glaube, es waren sechs oder sieben.
Also lag ich da, eingewickelt in Papierdecken und meinem Morgenmantel, den ich mir irgendwann sogar über den Kopf zog.
Und so fuhr ich von Cottbus Richtung Oelde.
Als ich schließlich in Oelde ankam, fühlte ich mich ungefähr wie ein tiefgekühltes Fischstäbchen.
Ich war komplett durchgefroren.
Ich hatte versucht, während der Fahrt ein bisschen zu schlafen, was natürlich kaum möglich war. Wir gerieten in Staus und kamen unterwegs an gefühlt sieben, acht, neun oder zehn Unfällen vorbei.
Natürlich bin ich unendlich froh, dass wir alle sicher angekommen sind. Aber diese Fahrt war nicht nur für die Fahrer und die Rettungssanitäter eine Herausforderung.
Auch für mich war es alles andere als angenehm.
Ich lag hinten auf der Liege, konnte mich kaum bewegen und konnte eigentlich überhaupt nichts tun.
Schön ist definitiv anders.
In Oelde angekommen ging dann alles relativ schnell. Ich musste nicht lange warten und wurde ziemlich zügig untersucht.
Und dann lernte ich Frau Dr. Elena kennen.
Ich werde ihren Nachnamen hier bewusst nicht nennen, aber sie ist mir bis heute in sehr guter Erinnerung geblieben.
Sie holte direkt den Chefarzt und den Oberarzt der Plastischen Chirurgie dazu. Plötzlich standen mehrere Ärzte um mich herum und begutachteten die Wunde.
Und genau in diesem Moment sah auch Thomas zum ersten Mal wirklich das gesamte Ausmaß.
Ich lag auf der Liege, der Po entsprechend frei und erhöht. Die Ärzte standen um mich herum und besprachen sich. Eine Schwester stand am Fußende und Thomas dahinter, an der Tür.
Dann machte die Schwester einen Schritt zur Seite.
Und Thomas hatte freie Sicht.
Er wurde erst einmal blass.
Was ich ihm überhaupt nicht verdenken kann.
Die Wunde war schließlich ungefähr 25 Zentimeter lang, mehrere Zentimeter breit und mehrere Zentimeter tief.
Kein besonders schöner Anblick.
Die Ärzte entschieden schließlich, dass die Wunde nicht offen heilen sollte.
Ich war an einem Freitag angekommen und bereits am Montag sollte ich operiert werden.
Die Entscheidung war klar:
Das Ding wird zugemacht.
Offen würde die Heilung viel zu lange dauern.
Im Nachhinein kann man natürlich darüber diskutieren, ob das wirklich die beste Lösung war. Bei einer Wunde dieser Größe war es aber durchaus nachvollziehbar, es zumindest zu versuchen.
Zwischendurch wurde auch über einen Vakuumverband nachgedacht. Für diejenigen, die so etwas nicht kennen: Dabei wird die Wunde mit einem speziellen Verband luftdicht verschlossen und über Unterdruck soll die Heilung unterstützt werden.
Letztendlich wurde davon abgesehen – und rückblickend war das vermutlich auch ganz gut, denn an dieser Stelle hätte so ein Verband wahrscheinlich ohnehin nur schwer gehalten.
Also wurde ich operiert.
Die Wunde wurde zugenäht und zusätzlich eine Lasche eingelegt, damit Wundflüssigkeit und alles, was dort nicht hingehörte, nach außen in den Verband abfließen konnte.
Das Ziehen dieser Lasche war später zum Glück nicht annähernd so schlimm wie das Ziehen einer richtigen Drainage.
Und dann durfte ich nach der ersten Operation tatsächlich zum ersten Mal wieder duschen.
Ich habe bei der Nachricht fast geheult vor Freude.
„Sie dürfen duschen.“
Was für andere Menschen völlig normal klingt, war für mich zu diesem Zeitpunkt ein kleines Fest. Schließlich war ich wochenlang nicht duschen.
Nur hatte ich die Rechnung ohne meinen Kreislauf gemacht.
Warm duschen, geschwächter Körper, die ganze Aufregung – und plötzlich wurde mir schwarz vor Augen.
Ich merkte noch:
„Ich glaube, gleich bin ich weg.“
Ich ließ mich noch auf die Knie sinken.
Und dann war ich tatsächlich weg.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich Schwester Johanna vor mir. Meine Beine lagen irgendwo in der Luft und sie sagte ganz trocken:
„Ach, da ist sie ja wieder.“
Ich war erstaunlich schnell wieder richtig da, konnte auch wieder aufstehen und alles war gut.
Heute muss ich über diesen Moment sogar ein bisschen schmunzeln.
In diesen wenigen Tagen war einfach so unglaublich viel passiert, dass selbst ein kleiner Kreislaufkollaps irgendwie noch ins Gesamtbild passte.
Leider hielt die erste Naht nicht.
Ich hatte natürlich inzwischen schon sämtliche Horrorszenarien im Kopf.
Von „Was machen die jetzt?“ über weitere Operationen bis hin zu einem künstlichen Darmausgang – meine Fantasie kannte keine Grenzen mehr.
Nach ungefähr einer Woche musste deshalb erneut operiert werden.
Die Wunde wurde wieder geöffnet beziehungsweise erneut versorgt und noch einmal vernünftig verschlossen.
Diesmal wurde deutlich kräftiger genäht.
Gefühlt war das für mich kein Faden mehr, sondern eher Baustellendraht.
Aber egal, wie es sich anfühlte:
Es hielt.
Und das war das Wichtigste.
Ich wurde schließlich aus dem Krankenhaus entlassen.
Und damit begann wieder ein völlig neuer Abschnitt.
Denn nun wartete zu Hause nicht etwa das große „Alles wieder gut“ auf mich.
Nein.
Nun kam Jessica ins Spiel – meine Wundmanagerin.
Und was danach alles passierte, erzähle ich im nächsten Kapitel.