Am 27. Dezember wurde ich also operiert.
Im OP selbst habe ich nur noch ganz wenige Erinnerungen. Ich weiß noch, dass ich dort unten von allen sehr freundlich und beruhigend empfangen wurde. Ich wurde auf die OP-Liege gebracht und alle haben sehr ruhig und lieb mit mir gesprochen. Gerade in diesem Moment, in dem man sowieso Angst hat und überhaupt nicht weiß, was jetzt passiert, hat mir das unglaublich geholfen.
Dann wurde ich narkotisiert.
Und dann begann die erste Operation.
Dabei wurde alles nekrotische Gewebe entfernt. Die Wunde musste großflächig eröffnet und gereinigt werden.
Nach der Operation kam ich auf die Überwachungsstation.
Und dann passierte für mich etwas fast schon Faszinierendes: Ich war nach der Narkose erstaunlich schnell wieder richtig bei mir.
Nicht nur so ein bisschen wach, sondern tatsächlich wieder ich.
Ich hatte Erinnerungen, wusste, was passiert war, und konnte sogar Thomas anrufen.
Ich sagte zu ihm:
„Schatz, es geht mir gut. Ich wurde operiert. Alles in Ordnung.“
Er war völlig überrascht, dass ich mich schon selbst bei ihm meldete.
Für mich war es einfach unglaublich schön, seine Stimme zu hören.
Ich blieb einige Tage auf der Überwachungsstation. Und dort wurde ich am 29. Dezember bereits ein zweites Mal operiert.
Bei dieser Operation wurde die komplette Tamponade entfernt, die Wunde noch einmal gründlich gereinigt und weiteres nekrotisches Gewebe entfernt, das bei der ersten Operation noch nicht vollständig beseitigt werden konnte.
Man merkte aber: Es ging langsam aufwärts.
Die Blutwerte wurden besser, mein Zustand stabilisierte sich und ich kam Stück für Stück wieder mehr zu mir.
Trotzdem hatte ich wahnsinnige Angst.
Denn inzwischen wusste ich, womit ich es zu tun hatte.
Die Wunde war ungefähr 25 Zentimeter lang, etwa vier Zentimeter breit und sechs Zentimeter tief.
Wenn ich mir das heute bildlich vorstelle, wird mir immer noch ganz anders.
Und meine größte Angst kam eigentlich erst, als ich wieder auf die normale Station kam.
Ich hatte zunächst noch einen Katheter und musste deshalb nicht aufstehen. Das war für mich sogar irgendwie beruhigend, denn ich hatte panische Angst davor, wie ich mit dieser riesigen offenen Wunde überhaupt zur Toilette gehen sollte.
Auch ans Essen traute ich mich kaum.
Denn irgendwann musste man ja schließlich auch wieder aufs Klo.
Und wie sollte das funktionieren?
Die Wunde lag nun einmal genau dort, wo man sie wirklich nicht gebrauchen konnte.
Also aß ich zunächst so gut wie nichts.
Thomas kam zwischen Weihnachten und Neujahr wieder nach Cottbus. Ich weiß heute nicht mehr ganz genau, ob es der 28. oder 29. Dezember war. Er hatte inzwischen alles für Polly organisiert und blieb noch ungefähr eine Woche in Cottbus.
Er brachte mir Sachen mit, besuchte mich jeden Tag – teilweise sogar zweimal täglich – und war einfach da.
Silvester verbrachte er bei seiner Mama, während ich im Krankenhaus lag.
Und rückblickend war ich einfach nur glücklich, überhaupt Silvester erleben zu dürfen.
Das klingt vielleicht verrückt, aber ich war dankbar, das Feuerwerk aus meinem Krankenhauszimmer sehen zu können.
Thomas erzählte mir in dieser Zeit auch nach und nach, was während meiner schlimmsten Phase eigentlich alles passiert war.
Von den Telefonaten mit den Ärzten. Von meinem Zustand. Von dem Anruf mitten in der Nacht. Von den Sorgen meiner Familie.
Vieles davon hatte ich selbst überhaupt nicht mitbekommen.
Und wenn ich heute daran denke, wie Thomas in dieser Zeit für mich da war, könnte ich eigentlich direkt wieder anfangen zu weinen.
Ich bin einfach unglaublich dankbar für diesen Menschen.
Natürlich ist in keiner Beziehung immer alles hundertprozentig perfekt – mal ehrlich, in welcher Beziehung ist das schon?
Aber ich weiß, dass ich mich auf Thomas immer zu hundert Prozent verlassen kann.
Und gerade in dieser Zeit hat er mir gezeigt, was das wirklich bedeutet.
Am Silvestertag stand dann bereits die dritte Operation an.
Dabei ging es hauptsächlich noch einmal um eine gründliche Reinigung der Wunde und einen Verbandswechsel unter Narkose. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einfach noch so große Angst vor den Verbandswechseln, dass mir die Narkose sogar irgendwie entgegenkam.
Und auch diesen Tag werde ich nicht vergessen.
Als ich in den OP-Bereich kam, trugen die Schwestern und Ärzte tatsächlich alle Silvesterhütchen.
Es lief Musik und die Stimmung war erstaunlich gut.
Ich kannte das bisher eigentlich nur aus dem Fernsehen und war tatsächlich überrascht, dass in einem OP-Bereich wirklich Musik läuft und die Menschen dort sogar ein bisschen feiern.
Aber genau das nahm einem die Angst.
Ich konnte mich inzwischen sogar selbst vom einen auf das andere OP-Bett bewegen. Es war noch lange nicht normal, aber es ging.
Und dann war Silvester.
Wir haben aus unserem Fenster ein bisschen das Feuerwerk sehen können. Ich wurde mit meinem Bett ganz nach oben gefahren, sodass ich zumindest einen Teil davon sehen konnte.
Ich teilte mir das Zimmer mit zwei anderen Damen, die beide sehr nett waren.
Und während draußen das neue Jahr begrüßt wurde, lag ich im Krankenhaus und dachte einfach nur:
Ich bin noch da. Danke Gott!
Anfang Januar folgte dann die vierte Operation.
Auch dabei wurde noch einmal alles gründlich gereinigt und kontrolliert, ob sich irgendwo weiteres abgestorbenes Gewebe oder neue Probleme zeigten.
Zum Glück war diesmal alles in Ordnung.
Die Ärzte in Cottbus erklärten mir schließlich, dass die Wunde nun offen heilen müsse.
Und damit begann für mich der nächste Kampf.
Ich hatte Angst vor allem.
Vor dem Verbandswechsel.
Vor dem Aufstehen.
Vor dem Toilettengang.
Und vor allem davor, etwas falsch zu machen und dadurch wieder eine Entzündung zu bekommen.
Ich traute mich kaum zu essen. Mal eine Scheibe Knäckebrot, mal einen Zwieback – mehr war zunächst kaum drin.
Denn ich dachte ständig:
Was passiert, wenn ich auf die Toilette muss?
Was passiert, wenn etwas an den Verband kommt?
Was, wenn sich die Wunde wieder entzündet?
Irgendwann sagte eine der Schwestern sehr trocken und wahrscheinlich auch völlig zu Recht:
„Du musst sowieso irgendwann aufs Klo. Und essen musst du auch irgendwann.“
Also ging ich irgendwann aufs Klo.
Und natürlich ging es schief.
Ich hatte tatsächlich Stuhl im Verband.
Ich klingelte nach den Schwestern – und als sie nicht sofort kamen, war ich natürlich wieder völlig fertig.
Ich lag da und weinte, weil ich solche Angst hatte.
Dann erinnerte ich mich an die Worte einer lieben Freundin, die selbst Krankenschwester ist. Sie hatte mir einmal gesagt:
„Solange die Ärzte und vor allem die Schwestern nicht panisch herumlaufen, ist alles in Ordnung.“
Dieser Satz hat mir in dieser Zeit tatsächlich sehr geholfen.
Also versuchte ich, mich daran zu halten.
Und langsam wurde es besser.
Der Katheter kam irgendwann heraus.
Ich durfte aufstehen.
Ich konnte wieder ein paar Schritte laufen.
Sitzen konnte ich zwar noch lange nicht richtig, aber allein wieder aufstehen und ein bisschen herumgehen zu können, fühlte sich plötzlich wie ein riesiger Erfolg an.
Alles war überwältigend.
Aufstehen.
Laufen.
Gehen.
Dinge, die vorher völlig selbstverständlich gewesen waren, wurden plötzlich zu kleinen Siegen.
Trotzdem wollte ich irgendwann nur noch eines:
Nach Hause.
Cottbus war weit weg. Meine Schwiegermutter besuchte mich zwar immer wieder, aber ich wollte einfach in die Nähe von Thomas und in meine gewohnte Umgebung.
Und dann fiel mir ein, dass wir eine ADAC-Partnerschaft hatten.
Also begann die nächste Etappe meiner Krankenhausgeschichte:
Wie komme ich von Cottbus nach Hause?
Die Antwort darauf sollte schließlich der ADAC liefern.
Mehr dazu im nächsten Kapitel.